Pick up the Phone
Alles beginnt hier
Saul Leiter, New York 1957:
Linien, viele Linien, kreuz und quer. Desaturierte Farben, unvollständige Schriftzüge und die nostalgische Wärme der 1950er-Jahre. Oder sind es die 1940er? Das ist erste Eindruck, den man gewinnt. Ganz ohne Nachdenken. Keine Analyse, mehr ein Gefühl.
Ein Mann telefoniert. Man sieht es an der Hand, die den Hörer hält, an der leichten Neigung des Kopfes. Aber er ist nicht allein im Bild — er ist kaum im Bild. Eine Telefonzelle in New York, von außen fotografiert, und die Scheibe schluckt alles. Sie ist der eigentliche Protagonist des Bildes. Das Bild könnte “The Window” heißen, doch das trifft auf viele Bilder des Fotografen Saul Leiter zu, der das Foto “Phone Call” im New York des Jahres 1957 aufnahm.
Hinter dem Mann — oder ist es vor ihm? — steht ein Bus, rot und massiv, seine Flanke nimmt die halbe Komposition ein. Schrift überlagert Schrift: “Public Telephone” läuft am unteren Bildrand entlang, abgeschnitten, fast unleserlich. Irgendwo dazwischen taucht ein Gesicht auf, ein zweites, ein Spiegelbild vielleicht, oder jemand der wartet. Sitzen diese Leute nebenan? Im gleichen Raum? Das Bild stellt mehr Fragen, als es Antworten bietet.
Der Mann telefoniert. Mit wem, weiß man nicht. Was er sagt, hört man nicht. Innen und außen gehen ineinander über. Privat und öffentlich. Nah und unzugänglich. Der Mann telefoniert — und ist dabei völlig allein in seiner eigenen Welt, mitten in der Stadt, mitten im Bild. Ob er glücklich ist oder unglücklich, ob das Gespräch wichtig ist oder banal — das Bild gibt keine Auskunft. Es zeigt nur die Geste, die Hand am Ohr, und dahinter eine Verdichtung aus Reflexionen, Farben, Ebenen.
Saul Leiter stand draußen. Der Mann war drinnen. Dazwischen: Glas, Licht, ein Bus der vorbeifuhr oder stand, Schrift die niemand zu Ende lesen kann. Und trotzdem — oder gerade deshalb — hat man das Gefühl, sehr nah an etwas zu sein. An was genau, weiß man nicht. Leiters Protagonisten sind nicht Gesichter, Autos oder Straßenzüge. Es sind Scheiben. Scheiben als Spiegel und Destillationsfläche des täglich ablaufenden Lebens. Nicht immer ist es ein Schaufenster wie bei “Phone Call”. Manchmal sind es Scheiben von Autos, beschlagene Fenster von Cafes oder einfach nur die Glasfläche eines Kamera-Objektivs, auf der sich Momente schichten und multiplizieren.
“Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus. Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort.”
Es bleibt natürlich unklar, ob Saul Leiter Rainer Maria Rilke kannte. Weniger unklar ist, dass Rilke sich dem geschriebenen Wort widmete und nicht der Fotografie. Doch der Auszug aus “Die frühen Gedichte” liest sich wie der Einstieg in ein Manifest für den Fotografen Leiter. Bei ihm wird nichts deutlich ausgesprochen. Die Reflexion im Schaufenster, die zwei Welten übereinander legt und keine davon vollständig zeigt. Der Bildausschnitt, der das Wichtigste knapp verfehlt — oder vielleicht gerade deshalb trifft. Weder Beginn noch Ende sind klar auszumachen.
Nur halten sich Scheiben selten an Regeln professioneller Fotografie. Schärfe, Belichtung, Weißabgleich oder eben der “richtige” Bildausschnitt — nebensächlich. Es geht nur um den Moment und wie er sich anfühlt. Hier ist keine aus erzählte Geschichte zu lesen, kein Porträt zu sehen. Nur Eindrücke, ungeordnet, überlappend, unvollständig und ambivalent — aber das alles zugleich. “Eine Fotografie ist ein Geheimnis über ein Geheimnis”, sagte Diane Arbus, “je mehr sie mitteilt, desto weniger erfährt man.”
Ein Bild, das alles erklärt, lässt keinen Raum. Es ist vollständig, fertig, und abgeschlossen. Man sieht, man versteht, man geht weiter. Das fragmentierte, ambivalente Bild ist eine offene Tür. Keine reine Dokumentation, sondern eine Einladung, die Lücken zu füllen, zu erkunden. Jeder bringt Anderes mit, wenn er betrachtet. Eigene Erinnerungen, eigene Ängste, eigene Sehnsüchte. Das Bild gibt einen Impuls — den Rest erledigt derjenige, der davor steht. Derselbe Mensch kann dasselbe Bild an zwei verschiedenen Tagen zwei Mal verschieden erleben. Das Bild verändert sich nicht. Er schon.
Bildet es die Realität ab? Ansichtssache. Bestimmt nicht die klare, geradlinige und unmissverständliche Realität, die wir von vielen Fotografien kennen. Es ist mehr Erkundung einer Zwischenwelt. Eines Raumes zwischen dem, was ist, und dem, was man hinein liest. Zwischen dem Sichtbaren und dem, was man schon immer in sich getragen hat, ohne es je so klar gesehen zu haben.
Man denke daran, wie es sich anfühlt, Gedanken zu Papier zu bringen. Es erfordert Anstrengung. Irgendwie fischt man einzelne Worte aus dem Äther der altgewohnten, ewig kreisenden Gedanken — und plötzlich wird aus einer trüben, wallenden Masse ein klares Rinnsal aus blauem Wasser. Man sieht, wohin es fließt. Die Erkundung eines kreativen Werkes ist immer auch die Erkundung der eigenen Person. Natürlich war das Rinnsal immer schon da — man hat es nur noch nie gesehen. Jedenfalls nie so isoliert und klar, immer als Teil eines amorphen Pools aus Gedanken, der den gewohnten Hintergrund des täglichen Lebens bildet.
Bilder können das Gleiche tun. Das Unklare, das Zweideutige, das Lückenhafte — es kann einzelne Gedanken und Ideen locken, hervorzutreten. Sie waren immer schon da. Man trug sie sein Leben lang mit sich und hat sie nie gesehen. Ambivalenz, Unvollständigkeit, der kleine Riss im Gefüge — bei Saul Leiter gewissermaßen eine Aufforderung, den Hörer abzunehmen und zu entdecken. Man steht vor dem Bild und schaut. Irgendwann betrachtet man womöglich gar nicht mehr den Mann, die Scheibe, den Bus. Man schaut sich selbst beim Schauen zu. Dann hört das Bild vielleicht auf, ein Dokument zu sein und fängt an, ein Spiegel zu werden.
Grains of Sand
Alles beginnt hier
Henri Cartier-Bresson, New York City 1947:
Was ist ein Augenblick? Für einige ist es nicht mehr als die Zeit, die verstreicht, bis sich die Augenlider dank des Lidschlussreflexes wieder bewegen. Einige Sekunden vielleicht, abhängig von Luftfeuchtigkeit und Temperatur, doch bestimmt nicht länger. Für andere kann es mehr sein. Eine Geschichte, womöglich, eine Erinnerung, ein Moment der Emotion. Für Virginia Woolf war der Augenblick gar “alles”. Doch was wissen Schriftsteller schon über Fotografie.
In der Fotografie gibt es auf die Frage meist eine nüchterne, technische Antwort. So etwas wie der 125. Teil einer Sekunde. Oder der 250., wenn das Licht gut ist. Abhängig von der Blende natürlich. Jedenfalls lange genug, um genug Licht durch das Objektiv zu lassen, um etwas zu erkennen, gleichzeitig kurz genug, um eine scharfe Darstellung zu liefern. Henri Cartier-Bresson muss zweifellos eine unmissverständliche numerische Angabe wie diese gemeint haben, als er vom “entscheidenden Augenblick” sprach. Schließlich war er Fotograf, bekannt dafür, sein Handwerk zu beherrschen. Und sein Handwerk — das war der Augenblick.
Wir befinden uns im Jahr 1947 in New York. Sein Finger liegt schon auf dem Auslöser. Der Moment ist da — oder noch nicht? Zwei Wände aus rußigem Backstein drängen sich eng zusammen, über einer Feuertreppe schießen im vergilbten Hintergrund Hochhäuser empor. Dem Himmel bleibt nur ein grauer, verschwommener Streifen, um sich zu zeigen. Downtown Manhattan. Möglicherweise sehr früh am Morgen. Die Straßen sind leer, man sieht die Ruhe förmlich.
Zwischen den Wänden ein Stück gepflasterter Boden, nass vom Regen oder vom gestrigen Tag, in der Mitte dieser urbanen Schlucht sitzt ein Mann mit Hut am Bordstein. Er hat die Beine angewinkelt und beugt sich vor. Eine kleine dunkle Katze sitzt vor ihm. Sie blicken sich an. Man sieht ein Bild und spürt die Welt dahinter. Unweigerlich fragt man sich, wer der Mann wohl war, wie er hieß, was er tat. Wie es wohl gerochen haben mag in dieser Gasse, was man hören konnte. William Blake sah in einem Sandkorn die ganze Welt. To see a world in a grain of sand. Henri Cartier-Bresson sah sie im Augenblick, manchmal im Bruchteil einer Sekunde. Wir alle können sie mit ihm sehen, wenn wir seine Bilder betrachten.
Der Mann und die Katze sind die einzigen lebenden Wesen in diesem engen Korridor aus Ziegeln und Schatten. Der Mann sitzt da, als gehörte er schon immer hierher — ein Teil der Mauer, ein Teil der Gasse, ein Teil des Moments, den Cartier-Bresson mit seinem Auslöser eingefangen hat. Ein Augenblick. Die Katze wird gleich weiterlaufen. Der Mann wird aufstehen oder sich eine Zigarette anzünden. Sein Leben weiterleben. Das Licht wird sich verschieben. Die Pfütze auf dem Pflaster wird trocknen. Aber für diesen kurzen Moment — den Moment, in dem der Verschluss klickte — existierten der Mann, die Katze, die enge Gasse und der ferne graue Himmel. Alles war genau so.
Man steigt nicht zweimal in denselbem Fluss, sagte Cartier-Bresson einst. Alles fließt, wächst, transformiert sich, vermischt sich, im ständigen Wandel. Jeder Augenblick der Realität stellt eine einmalige und unwiederbringliche Konstellation dar. Alles ist einmal so, dann nie wieder. Die Wassertropfen, die Lichtstrahlen, die reflektierten Schemen und Schatten der nassen Straße ordnen sich an. Nur in diesem Augenblick. Es gibt keine zweite Aufnahme, keinen Testrun. To see a world in a grain of sand. Kleine Zweifel machen sich breit. Möglicherweise war es nicht Cartier-Bresson, der vom Fluss sprach, sondern einige Jahre vor ihm der Grieche Heraklit. Sei’s drum. Auf jeden Fall war es ein Fotograf.
Cartier-Bresson war außerdem Entdecker. Für ihn war das Auslösen mehr existentieller als technischer Vorgang. In ihm steckt gewissermaßen die ganze Vergänglichkeit des Lebens: die Entscheidung, etwas zu bewahren, von dem man im gleichen Wimpernschlag wieder Abschied nehmen muss. Womöglich meinte er mit dem “entscheidenden Augenblick” doch mehr als eine Zeitangabe. Und womöglich hatte Virginia Woolf doch Recht. Der Augenblick ist alles.