Grains of Sand
Henri Cartier-Bresson, New York City 1947:
Was ist ein Augenblick? Für einige ist es nicht mehr als die Zeit, die verstreicht, bis sich die Augenlider dank des Lidschlussreflexes wieder bewegen. Einige Sekunden vielleicht, abhängig von Luftfeuchtigkeit und Temperatur, doch bestimmt nicht länger. Für andere kann es mehr sein. Eine Geschichte, womöglich, eine Erinnerung, ein Moment der Emotion. Für Virginia Woolf war der Augenblick gar “alles”. Doch was wissen Schriftsteller schon über Fotografie.
In der Fotografie gibt es auf die Frage meist eine nüchterne, technische Antwort. So etwas wie der 125. Teil einer Sekunde. Oder der 250., wenn das Licht gut ist. Abhängig von der Blende natürlich. Jedenfalls lange genug, um genug Licht durch das Objektiv zu lassen, um etwas zu erkennen, gleichzeitig kurz genug, um eine scharfe Darstellung zu liefern. Henri Cartier-Bresson muss zweifellos eine unmissverständliche numerische Angabe wie diese gemeint haben, als er vom “entscheidenden Augenblick” sprach. Schließlich war er Fotograf, bekannt dafür, sein Handwerk zu beherrschen. Und sein Handwerk — das war der Augenblick.
Wir befinden uns im Jahr 1947 in New York. Sein Finger liegt schon auf dem Auslöser. Der Moment ist da — oder noch nicht? Zwei Wände aus rußigem Backstein drängen sich eng zusammen, über einer Feuertreppe schießen im vergilbten Hintergrund Hochhäuser empor. Dem Himmel bleibt nur ein grauer, verschwommener Streifen, um sich zu zeigen. Downtown Manhattan. Möglicherweise sehr früh am Morgen. Die Straßen sind leer, man sieht die Ruhe förmlich.
Zwischen den Wänden ein Stück gepflasterter Boden, nass vom Regen oder vom gestrigen Tag, in der Mitte dieser urbanen Schlucht sitzt ein Mann mit Hut am Bordstein. Er hat die Beine angewinkelt und beugt sich vor. Eine kleine dunkle Katze sitzt vor ihm. Sie blicken sich an. Man sieht ein Bild und spürt die Welt dahinter. Unweigerlich fragt man sich, wer der Mann wohl war, wie er hieß, was er tat. Wie es wohl gerochen haben mag in dieser Gasse, was man hören konnte. William Blake sah in einem Sandkorn die ganze Welt. To see a world in a grain of sand. Henri Cartier-Bresson sah sie im Augenblick, manchmal im Bruchteil einer Sekunde. Wir alle können sie mit ihm sehen, wenn wir seine Bilder betrachten.
Der Mann und die Katze sind die einzigen lebenden Wesen in diesem engen Korridor aus Ziegeln und Schatten. Der Mann sitzt da, als gehörte er schon immer hierher — ein Teil der Mauer, ein Teil der Gasse, ein Teil des Moments, den Cartier-Bresson mit seinem Auslöser eingefangen hat. Ein Augenblick. Die Katze wird gleich weiterlaufen. Der Mann wird aufstehen oder sich eine Zigarette anzünden. Sein Leben weiterleben. Das Licht wird sich verschieben. Die Pfütze auf dem Pflaster wird trocknen. Aber für diesen kurzen Moment — den Moment, in dem der Verschluss klickte — existierten der Mann, die Katze, die enge Gasse und der ferne graue Himmel. Alles war genau so.
Man steigt nicht zweimal in denselbem Fluss, sagte Cartier-Bresson einst. Alles fließt, wächst, transformiert sich, vermischt sich, im ständigen Wandel. Jeder Augenblick der Realität stellt eine einmalige und unwiederbringliche Konstellation dar. Alles ist einmal so, dann nie wieder. Die Wassertropfen, die Lichtstrahlen, die reflektierten Schemen und Schatten der nassen Straße ordnen sich an. Nur in diesem Augenblick. Es gibt keine zweite Aufnahme, keinen Testrun. To see a world in a grain of sand. Kleine Zweifel machen sich breit. Möglicherweise war es nicht Cartier-Bresson, der vom Fluss sprach, sondern einige Jahre vor ihm der Grieche Heraklit. Sei’s drum. Auf jeden Fall war es ein Fotograf.
Cartier-Bresson war außerdem Entdecker. Für ihn war das Auslösen mehr existentieller als technischer Vorgang. In ihm steckt gewissermaßen die ganze Vergänglichkeit des Lebens: die Entscheidung, etwas zu bewahren, von dem man im gleichen Wimpernschlag wieder Abschied nehmen muss. Womöglich meinte er mit dem “entscheidenden Augenblick” doch mehr als eine Zeitangabe. Und womöglich hatte Virginia Woolf doch Recht. Der Augenblick ist alles.